30.10.06

Per Radumdrehung von Rabat nach Khenifra

Helden. Wir sind keine Helden, denn Helden muessen ihren Blog nicht nachtraeglich schreiben. Aber nachtraeglich versuche ich mit meiner beschraenkten Hirnleistung nun einige Fakten jener sagenumwobenen Reise von Rabat nach Khenifra zu erzaehlen, die unsere Helden, d. h. Matthias und Lenz in weniger als 100, naemlich in drei Tagen, unternommen haben.

Sidi al ben Yussef soll die Strecke von 238.4 KM in weniger als 100 Tagen auf dem Bauch liegend gekrochen sein, aber unsere wackeren Ritter legten sie in bloss drei Tagen zurueck (Mit dem Fahrrad).

Der erste Tag verlief reibungslos. Um acht Uhr fuhren wir los. Wir passierten das Botschaftsviertel, die Kaserne und etliche bewachte Anwesen.

Die Dichte von Polizisten und Soldaten in Rabat ist erschreckend. Wir haben uns ueberlegt, dass man mit einigen Einsparungungen bei den jeweiligen Uniformen (Weglassen der weissen Gamaschen und der koketten Lederhandschuhen der Verkehrspolizisten , billigeren Lederschuhen bei den schwarzen Frackpinguinen, die Polizisten in Zivil darstellen sollen und weniger Maschinengewehren bei den grimmigen Typen, die Gaerten und Golfplaetze bewachen...) eine Muellabfuhr finanzieren koennte, die wirklich funktioniert. Entlang der Strassen und in den Staedten finden sich oft grosse Muelldeponien und die weggeworfenen Plastiksaecke sind allgegenwaertig...

Nun ja nach der urbanen Landschaft kamen wir also in eine rurale Landschaft (Koennte ein Lehrbuch sein...) mit flachen Huegeln und einzelnen, eingeschnittenen Flusslaeufen. Das Fahren war trotz des Verkehrs sehr angenehm, da die Fahrzeuge meistens vorzeitig warnend Hupen und anschliessend beim Ueberholen grosszuegig die andere Strassenseite benuetzen, wobei doppelt gezogene Linien ueberhaupt kein Problem darstellen.
Der Wasserverbrauch am ersten Tag war erstaunlich hoch. Obwohl wir einige Male eingekehrt waren und viel Tee zu uns genommen hatten. Insgesamt legten wir ca. 90 KM zurueck bevor wir zelteten. Pro Person hatten wir etwa 8l Wasser verbraucht, immens!!!
Als wir das Zelt bereits aufgestellt hatten, kam eine Familie von anliegenden Bauernhof (aeh.. Huette...) und lud uns ein, das Zelt auf ihrem Grundstueck aufzubauen, da sie fuerchteten Anwohner kaemen und zerstoerten es waehren der Nacht. Obwohl die Familie einen ehrlichen Eindruck auf uns machte, blieb unsicher, ob es nicht ein Trick war, um uns irgendetwas anzudrehen. Doch wir waren zu ueberrascht um abzulehnen. Tatsaechlich wurde es ein gemuetlicher Abend. Die Kinder wollten die ganze Ausruestung ausprobieren und redeten viel unverstaendliches Kauderwelsch auf Franzoesisch, waehrend wir friedlich zu Abend assen. Die Nacht war weniger erfreulich. Das vorher so ruhige und nette Huendchen wurde, sobald die Besitzer im Haus waren, zur unangenehm lauten und scharfen Bestie. Nun ja, wir lagen im Zelt und konnten wegen des Geknurres und des Gebells weder einschlafen, noch wagten wir uns zu bewegen. Ich, fuer meine Person, hatte Angst der Hund wuerde mich durchs Zelt in den Kopf beissen, falls sich der Stoff zu sehr bewegte. Mattho schlief irgendwann einmal ein. Um fuenf Uhr war der Hund dann heiser, da kam der Hahn an die Reihe ums Zelt zu laufen und wie wild zu kraehen. Die Familie schenkte uns Brot und Pfannkuchen zum Morgenessen, die wir dankend annahmen. Der zweite Tag hatte blendend begonnen.

Wir fuhren weiter durch weite Kornfelder und kleine aermliche Ortschaften. Immer wieder kauften wir Kekse und Riegel oder tranken Pfefferminztee. Bananen oder Orangen waren leider nicht erhaeltlich, sie sind eher teurere Gueter. Der Rueckenwind erfrischte uns waehren der Fahrt und gab uns neue Kraft. Die langen Steigungen und das kurvenreiche Gebirge erschoepften uns bald und nach 60 KM, es war halb fuenf Uhr, beschlossen wir zu campieren. Wir schlugen das Zelt am Rande eines Korkeichenwaldes auf, etwas unterhalb einer Anhoehe. Nachdem das Zelt bereits stand, machten wir uns ans Kochen. Zuerst Bouillon, gefolgt von Kartoffelsalat und Sauerkraut mit Wuerstchen (Fuer die richtige Digestion gemischt mit einer Portion Steinchen und einer Ladung Karbon und Ziegenvitamine B, kurz Dung.) , schliesslich noch Kekse. Mitten beim Zubereiten des Salats wurde der Himmel finster und es begann leicht zu regnen. Wir verlagerten das Gepaeck ins Zelt und kochten weiter. Der Wind begann zu blasen und Matthias musste das Zelt immer wieder aufrichten. Aber alles war noch mehr oder weniger in Ordnung. Wir assen.
Als ploetzlich ein Platzregen herunterstuerzte, brachen wir die Kueche sofort ab. Es regnete in Stroemen. Trotz der leichten Neigung des Bodens fuercheteten wir, dass sich unter dem Zelt eine Wasserlache bilden koennte, weshalb wir Regenjacken anzogen und anfingen Abflussrinnen zu graben. Da es seit etwa sieben Monaten nicht mehr geregnet hatte, war der Boden entsprechend hart und die Wassermassen versickerten nicht, sondern sammelten sich tatsaelchlich bereits bedrohlich unter dem Zelt. Matthias hackte mit einem Schraubenschluessel zwei tiefe Kanaele ins Erdreich, waehrend ich mit dem Deckel des Gaskochers breite Rinnen entlang der Zeltwand grub, um das Wasser zu den beiden Abfluessen zu leiten. Als das Wasser zufriedenstellend abfloss, waren wir bereits total nass und dreckig geworden und es regnete immer noch.
Wir kehrten ins Zelt zurueck und wechselten die Kleidung. Wir hatten alles unternommen um das Zelt zu sichern, nun hiess es ab in den Schlafsack und abwarten, ob das Zelt hielte. Das ganze Gepaeck lag bereits gepackt vor, um im Notfall schnell bei einer Huette Unterkunft suchen zu koennen. Der Wind gewann stetig an Staerke. Das Wasser begann die Innenwaende des Zeltes herunterzurinnen und tropfte auf unsere werten Haeupter. Die Haelfte des Zeltes wurde durch Luftmassen niedergedrueckt und die Zeltplanen knatterten im Wind wie die Motoren eines Propellerflugzeuges. Wir waren dem Wetter gaenzlich ausgeliefert.

Nach einer gewissen Zeit schlief Mattho ein, waehrend ich die ganze Nacht hindurch kein Auge zumachte. Aber das Zelt hielt stand.
Der Morgen brach an. Es hatte aufgehoert zu regnen. Wir reparierten und putzten die Ausruestung. Nach einem kargen Morgenessen (Reste des Kartoffelsalats mit Sauerkraut...) machten wir uns auf den Weg. Die Strecke fuehrte zuerst durch eine elende Gegend mit einigen aermlichen Doerfern. Ab Oulmes folgte eine wunderbare canyonartige Landschaft und lange Zeit ging es bergab, bis wir zu einer kleineren Bergkette gelangten, die wieder bezwungen werden wollte. Schliesslich kam man auf eine Hochebene, die sich bis in den Horizont ausdehnte. Die Ortschaften bis Khenifra waren wohl die Elendesten der bisher Gesehenen. Oftmals war nicht einmal die Hauptstrasse asphaltiert, Muell lag ueberall herum und viele mitgenommene und kranke Menschen gingen ihren traurigen Beschaeftigungen nach. Insgesamt legten wir an jenem Tag 90 KM zurueck, obwohl wir fast nicht geschlafen hatten und erst um zehn Uhr losgefahren waren.
In Khenifra fanden wir das im Reisefuehrer beschriebene Hotel auf Anhieb. Das Essen im anliegenden Restaurant war vorzueglich und das Personal ueberaus sympathisch. Wir blieben zwei Naechte in Khenifra, wuschen die Kleider und das Zelt und genossen die Spaziergaenge durch die lebendigen Strassen mit ihren Garkuechen und Lebensmittelstaenden. Nur das Einloesen der Eurotravellercheques bereitete einige Schwierigkeiten. Bloss Creditbanken und die Banque Populaire nehmen diese Art von Cheques entgegen und es ist sehr schwierig einem Marokkaner den Unterschied so zu erklaeren, dass er einen zur richtigen Bank weist.
Wenigsten wissen wir nun, dass man nur Taxis mit einem funktionierenden Taxometer nehmen sollte, der Kerl betrog uns grausam... (Er unterschlug uns 1 Franken! Das ist nicht lustig!! Das ist sehr viel Geld fuer 20 Sek Autofahrt!!)
Auf jeden Fall haben wir auf dieser Reise wertvolle Erfahrungen gemacht, die uns sicher nuetzen werden.