20.11.06

Sahara; teil Drei: Toute la sahara est une toilette

Endlich! Hier ist er nun, der heissersehnte dritte Teil!

Der dritte Tag verlief objektiv betrachtet ereignisarm. Da in diesem Blog aber nicht nur objektiv geschrieben wird, gibt es dennoch einiges zu berichten...
Wir starteten mit dem üblichen Frühstück in den Tag: frisches, von Zeid gebackenes Fladenbrot oder Crepes ohne Eier, ein Schälchen Erdbeerkonfi, Margarine (die sich offenbar über eine Woche bei 25°C halten lässt...), Café au lait (Milch aus Milchpulver ist erstaunlich gut! -Wir hatten auch keinen Vergleich...) und Tee (am Morgen sehr stark!).

Wie ueblich folgte nach dem Frühstück das Aufräumen und das Packen der Dromedare. Sogleich brachen wir auf, da die bepackten Dromedare immer gleich abmarschieren wollten. Nach einigen Kilometern zum Aufwärmen, stieg Lenz auf, um sich im mehr oder weniger gleichmässigen Schaukeln und Schwanken des Riesentieres zu erholen. Meine Frage, ob ich (Matthias) auch aufsteigen könne, verneinte Zaid mit Bedauern; Das zweite Dromedar sei zu ausgelastet... (Tipp an alle, die mit Dromedaren eine Wüstentour planen: Wünschen Sie beim Organisator der Reise ausdrücklich genügend Tiere für das Gepäck UND zum Reiten! Uns war bestätigt worden, wir könnten jederzeit aufsteigen!...)
Für mich war also Zeit zu zeigen, dass ich hart im Nehmen bin ;-) Es wird marschiert!.. Unser Weg (Einen Weg im eigentlichen Sinne gibt es nicht, nur eine vage Richtung, die der innere Kompass vorgibt.) führte uns durch steinige Hügel und es gab immer mehr Oueds zu passieren - für die Dromedare etwas mühsam, da sie schlecht bergab gehen können - und für uns auch, da sie langsamer werden. Zeid, der bisher immer an der Spitze unseres Zuges gegangen war, begab sich, mit seinem schön geschnitzten Stock bewaffnet, hinter die beiden Tiere und ich (Matthias) übernahm das Leitseil. Um die Trampeltiere zum Gehen zu motivieren, zog Zeid ab und zu kräftig am Seil, das dem Leittier hinter den Kauzähnen um den Kiefer geknüpft wird - was für das Dromedar eher unangenehm sein musste! Aber so werden diese Tiere offenbar gelenkt... So zog ich die zwei riesigen Tiere durch die Steinwüste, wobei es immer galt den besten Weg zu finden und gleichzeitig das endgültige Ziel - L oasis sacrée - nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich schon fast im Halbschlaf lag tauschten Lenz und ich die Plätze und er uebernahm die Leitung der beiden Dromedare.

L oasis sacrée: Treffpunkt der Nomaden; das Grün der Palmen war Augenbalsam nach Tagen der oeden Steinwueste und man versteht, dass Grün für die Berber die edelste Farbe schlechthin ist.

Wir verbrachten den Abend mit Schreiben von Postkarten, Lesen, Fotografieren. Beim Tee tauchte ein Freund von Zeid auf, der sich zu uns setzte. Beide waren ganz absorbiert in ihrem Gespräch, als ich von einem kleinen Spaziergang aufs Örtchen - "Toute la sahara c'est une toilette" - zurückgekam. Zeid fragte mich, ob ich die Dromedare gesehen hätte. Ich war nicht Dromedare streicheln, sondern am Scheissen! Nein, ich hatte sie nicht gesehen!
Aprubt beendete er die Teerunde mit seinem Freund und verschwand sichtlich beunruhigt mit meiner Taschenlampe ausgerüstet im Dunkel der Nacht auf der Suche nach unseren Dromedaren!
Nach etwa 3 Stunden kam er zurueck- sichtbar ermüdet - er war den Spuren der beiden Tiere entlang bis zu unserem letzten Lagerplatz gerannt (15 Km!), doch die Tiere hatten bereits einen zu grossen Vorsprung, um noch eingeholt zu werden. Sie würden wohl zum Ausgangslager zurückkehren... auf der Suche nach bruenftigen Dromedarweibchen... Wir nahmen die schlechte Nachricht eher gelassen hin, in der Hoffnung dass die Viecher es sich anders ueberlegen wuerden und am Morgen brav vor dem Zelt stuenden und kochten fuer Zeid, der total am Ende war, das Nachtessen: Milchreis...

Am nächsten Morgen - keine Dromedare! Das saubere Trinkwasser war ebenfalls alle!
Ohne Wasser und reitbaren Untersatz verloren in der Sahara!
Das sind die Geschichten, die frueher unter vorgehaltener Hand den Kinder erzaehlt wurden! Leider (oder zum Glueck!) ist eine solche Romantik in der heutigen Welt nur noch schwer aufrecht zu erhalten, denn eine halbe Stunde nach dem Morgenessen brauste ein Jeep herbei, ein toller Wuestenschlitten (leider ohne Chromstahl...), der einen Wassertank in die Hütten beim Erg Cheggaga bringen sollte.
Da der Fahrer anscheinend der Bruder des Freundes eines bekannter Schwagers war, dessen Namen Zeid zufaellig kannte (sonst haette er sicher noch eine andere verwinkelte Bekanntschaft ausgegraben...), durften wir unser Gepaeck einladen und mitfahren.
So kamen wir in den Genuss einer Fahrt über Wüstenpisten auf dem Dach eines 4x4 (eine mindestens so holprige Angelegenheit wie ein Dromedar). Nach etwa 40 Min. Fahrt wurden wir am Fuss der Sanddünen von Shagaga abgeladen und trugen unser Gepäck ein Stueck weit in die Sandlandschaft hinein, wo wir unser Lager aufschlugen.
Es folgte ein Nachmittag, den Lenz und ich auf (und auch etwas IN) den Dünen verbrachten. Das Resultat waren diverse in den Sand geschriebene Namen am und um den Erg Chagaga (die höchste Düne am Anfang des "Mer des dunes"). Diesen Ort werden unsere Fotos besser dokumentieren als jede unvollkomene Beschreibung! Deshalb versuche ich es gar nicht erst!

Den fuenften Morgen hatte ich sehnlichst erwartet, da mein körpereigener Flüssigkeitstank die ganze Nacht über die Tendenz gehabt hatte sich gegen meinen Willen zu entleeren.
Es folgen zwei weitere Tipps an Wüstenreisende: Sie tönen banal, doch oho!...

Nehmt genügend Trinkwasser mit!!!! D. h. berechnet die noetige Literzahl (3 pro Person und Tag) und konrolliert selbst nach, ob sich tatsaechlich die Anzahl Flaschen im Gepaeck befindet! Ich möchte wissen weshalb, aber wir hatten jedenfalls nicht genug Mineralwasser dabei (Wahrscheinlich wurde unser Wasser heimlich verkauft, um das Salaer zu verbessern...).
Auf der Reise desinfizierten wir Brunnenwasser mit Chlortabletten, was eigentlich als Hygienemassnahme reichen sollte. Ich vermute die Quelle des Übels eher bei der Pulvermilch, die Zeid mit ungenügend abgekochtem Wasser anmachte.

Der zweite Tipp lautet: "Immodium in Schmelztablettenform". Dieses Medikament ist in dieser Nacht von mir vergöttert worden!

Am naechsten Morgen war ich jedenfalls noch fit genug um das Gepäck zum Jeep zu tragen, der uns zurück zum Champ des Juifs bringen sollte. Sogar die Schüttelfahrt, die folgte (Sie war wegen höherem Tempo noch heftiger als am Vortag), ueberstand mein gebeuteltes Verdauungsystem ohne Revolte.
Ausser neuen Erkenntnissen darüber, wie man bei Sand Auto fährt und dem Abschied von Zeid (der seine Dromedare suchen ging), ist von der Fahrt nichts zu berichten...
Im "Basislager" angekommen, legten wir uns ermattet auf die Matten in unerer "Maison" und hofften auf bessere Zeiten! (Auch Lenz litt am "Morbus Glucksus" auch wenn nicht so heftig wie ich) Irgendwann rafften wir uns auf und baten den Bruder von Said jenen von Tagounite herkommen zu lassen, um uns mit dem wohlbekannten Peugeot zurück in die Zivilisation zu befördern, da wir uns für die Nacht nichts sehnlicher wuenschten als ein WC (das den Namen auch verdient) und eine funktionierende Dusche!
Nach einer längeren Zeit kam Zaid auch tatsaechlich und wir konnten uns gegen fünf Uhr in Tagounite in ein grand Taxi quetschen, das uns - und auf dem Dach unsere Velos - nach Zagora ins Hotel Fibule du Drâa brachte. Das Hotel hatten wir auf der Hinreise schon besucht. Im Taxi kamen wir mit zwei Jungs aus Paris ins Gespräch, die auch fünf Tage in der Wüste verbracht hatten, jedoch direkt nach Marrakech fuhren und zurück nach Paris fliegen mussten. Schliesslich angekommen richteten wir uns im Hotelzimmer ein und genossen ausgiebig die Dusche und die europaeische Toilette...