9.12.06

Taza



Taza liegt zwischen Guercif und Fes und ist eine Garnisonsstadt mit 176 000 Einwohnern. Die Stadt liegt landschaftlich sehr reizvoll an einem Auslaeufer des Djabal Tazzekka (1980m) und nur selten verirren sich Touristen in diese Region. Taza teilt sich auf in die Neustadt (Bas-Taza) und die alte Medina mit ihren Befestigungsanlagen (Haut-Taza), die etwas erhoeht an der Flanke eines Huegels liegt. Die Medina mit ihren meist gelb oder weiss gestrichenen verwinkelten Strassenzuegen ist wirklich sehenswert. Gewisse halb verfallene Teile der Stadtmauern und Wehrtuermen kann man auf eigene Faust entdecken.

Was es in Marokko am 6. Dezember nicht gibt: Nuesse und Orangen (Kann man sich theoretisch auf dem Markt kaufen...), Lebkuchen und Schokoladentaler (Findet man tatsaechlich nirgends...), Glockengelaeute und Fitzenstreiche (Man koennte als Ersatz einen Knueppel verwenden...), Samichlaus und Schmuzli!
Anstatt in vorweihnachtlicher Stimmung zu schwelgen, quetschten wir uns morgens in einen proppenvollen Bus und reisten mit einigen Zwischenfaellen nach Taza. Die Velos liessen wir im Hotel Royal in Fes und wir nahmen nur unsere selbst gebastelten Rucksaecke mit. Unterwegs musste der Motor des Fahrzeuges repariert werden... Dass in Marokko pro Tag durchschnittlich 10 Personen durch Verkehrsunfaelle sterben, verwundert uns laengst nicht mehr, man fragt sich eher, wieso pro Tag nicht 100 Leute auf der Strasse ihr Leben aushauchen! Es gibt Momente (z. B. wenn der Bus in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn ausweicht um einen klapprigen Lastwagen zu ueberholen!), da man geneigt ist ein Stossgebet gegen den Himmel zu entsenden!
Wir erreichten Taza wohlbehalten und liessen uns im einfachen Hotel de la Gare nieder (160DH DZ ohne Dusche). Wir spazierten zur Medina (ca. 1 Stunde) und verbrachten den Abend in Cafes und Cybers.

Am naechsten Morgen nahmen wir uns ein Petit-Taxi, fuhren bis zur Haltestelle der Grands-Taxis und reisten mit dem groesseren Bruder weiter bis zu der Gouffre de Friaoutou. Sie ist die groesste Hoehle Nordafrikas (siehe Bild oben) und liegt im Djabal-Tazzeka-Nationalpark bei Taza. Die Strasse windet sich zuerst in engen Kurven den Berg hinauf und man geniesst eine herrliche Aussicht ueber die Gebirgslaufe des Rif. Die Strecke fuehrt weiter hinauf durch felsige Taeler mit vielen Grueneichen. Schliesslich erreicht man die Hochebene. Der Eingang zu den Grotten befindet sich etwas oberhalb der Hauptstrasse. Bevor wir die Hoehle betraten, picknickten wir und genossen die spaerliche Waerme der Herbstsonne. Wir engagierten fuer 200DH einen Fuehrer, Idriss, der nur wenig franzoesisch spricht, dafuer ein wirklich sympathischer junger Mann ist (18 Jahre alt, fast wie wir!).
Zuerst steigt man eine betonierte Treppe hinab, die sich an das Gestein schmiegt. Man betritt die Gouffre, eine riesiges Loch im Berg, das gegen den Himmel offen ist. Bis zum Grund dieser Hoehle sind es achzig bis hundert Meter, die man auf der gut ausgebauten Treppe hinabsteigt. An den zur Sonne gewendeten Felswaenden wachsen Moose und Farne, die einen schoenen Kontrast zum Rot und Grau des Gesteins abgeben. Nachher wird es wirklich abenteuerlich! Die weitere Route ist nichts fuer Leute mit Platzangst oder schwachen Nerven. Eine koerperliche Mindestleistung wird vorausgesetzt (Man bewaeltigt insgesamt etwa 240 Hoehenmeter!). Man sollte zudem selbst ausreichend Taschenlampen mitnehmen (Pro Person mindestens 1!), da es ansonsten recht unangenehm ist im Dunkeln rumzutappen...

Am Grund der Eingangshoehle befindet sich ein Loch. Man kriecht durch jenen Gesteinskorridor fast senkrecht abwaerts ins Erdreich. Wir waren erstaunt, durch welch kleine Oeffnungen sich ein Mensch schlaengeln kann. Es oeffnet sich eine erste Grotte, zu beiden Seiten gibt es Stalagmiten, die wie Waechter eines verborgenen Schatzes auf uns Eindringlinge nieder blicken. So wie wir das abschaetzen konnten, bestanden die Felschichten aus Quarz, normaleren Fels (Tut uns leid, aber eine spezifischere Bezeichnung fuer grauen harten Stein haben wir leider nicht auf Lager! Interessierte sollen das Photo studieren, diesen Fels meinen wir!) und Dreck (nach Lenz). Tatsaechlich waren alle Oberflaechen von diesem Lehm ueberzogen und es ergaben sich an gewissen Stellen tolle Dreckblumenkohlmusterungen. Der Weg fuehrt an tiefen Loechern vorbei und ist meist sehr glitschig. Oft balanciert man auf einem Brett ohne Handlauf oder man sucht mit dem Fuss verzweifelt nach einer Einbuchtung. Die Tour ist aber unbedingt sehenswert. Bis zum Ende des Weges (die Hoehle fuehrt noch weiter) dauert es etwa 1 Stunde und man kann die fremdartigen Stalaktitenformen und glitzernden Felswaende bestaunen. Wir waren drei Stunden in den Grotten. Waehrend des Aufstieges begegneten wir einer spanischen Familie, die sich gerade durch den Steinkorridor zwaengte. Der Sohn an der Spitze "Jetzt macht mal endlich! Kommt schon! Ist ueberhaupt nicht schlimm!", die Mutter bemueht ihm zu folgen "Warte bitte! Ich komme ja schon! Warte bitte!", der juengere Sohn sitzt total am Ende auf einer Steinstufe und der Vater mit Bierbauch als letzter "Verdammt noch mal! Scheisse! Gibt es hier eigentlich keinen Aufzug? Wie lange fuert diese Treppe noch bergab? (? Treppen fuehren entweder immer bergab oder aber bergauf!)". Verschmitzt laechelnd passierten wir die Gruppe und stiegen weiter. Wieder am Sonnenlicht bestellten wir eine Fanta und wechselten die Kleidung.

Da es bereits 16.00 Uhr war und zu dieser Zeit keine Taxis mehr in diese entlegene Region fahren, fuehrte uns Idriss zu einer kleinen Pension (etwa 1 Stunde zu Fuss), wo wir Cousous bestellten und uebernachteten. Ausser dem starken SMS Verkehr seitens Matthias, wurde es ein gemuetlicher Abend mit Kartenschreiben und Plaudern.


Djabal Tazzeka

Klingelingeling! Stehet auf ihr Kinderlein und freuet euch des Lebens! Es ist 7.30 Uhr! Heute ist es soweit, wir besteigen den Djabal-Tazzeka! 20Km bis zur Bergspitze, 40Km hin und zurueck, ca. 9h zu wandern bei 3-5Km/h, etwa 1000 Hoehenmeter zu bewaeltigen, eine echte Herausforderung!

Nach dem Fruehstuck wartet Idriss auf uns und wir machen uns sogleich auf den Weg. Es ist bewoelkt und der Wind zerrt an unseren Kleidern. Es ist kalt. Wir wandern zuerst nach Bab Boudir, einem kleinen Dorf und folgen anschliessend der Teerstrasse mit einer grandiosen Aussicht auf den Tazzeka und die tieferliegenden Landschaften. Unterwegs probiert Matthias das Pfluegen aus, auch wenn noch nicht sehr erfolgreich (0 Furchen, die Esel machen keinen Wank), aber er ist schliesslich noch jung! Nach sieben Km zweigen wir ab und marschieren auf einer Piste durch Eichenwaelder und karge Felshaenge. Der Wind ist extrem stark und treibt die Wolken ueber die Bergkuppe. Wir haben so gut wie keine Sicht und die Mischung aus Feuchtigkeit und Kaelte ist aeusserst unangenehm auf der Haut. Nach zwei Stunden erreichen wir Zedernwaelder. Fuer kurze Zeit oeffnet sich die Wolkendecke und wir haben ein tolles Panorama. Der nasse Wald mit diesen alten Baeumen beruehrt wirklich die Seele. Die Leiber der Zedern sind vollstaendig mit Flechten ueberdeckt und ihre Sihlouetten machen den Eindruck lebendiger Wesen. Es existiert keine groessere Ruhe und Besonnenheit, als sie an diesen Orten herrscht. Die Spitze dieses Zauberortes wir von drei riesigen Sendeantennen besetzt. Boese zischende Riesen, die den Frieden des Waldes zu stoeren versuchen.

Wir bleiben nicht lange auf der Spitze. Hastig essen wir Brot und Kaese. Die Haende sind fast taub und wir ziehen die volle Regenmontur an, da inzwischen Nieselregen eingesetzt hat. Unser Fuehrer, Idriss, hat nicht einmal eine regendichte Jacke an. Der Abstieg gleicht einer Flucht. Der kalte Regen durchdringt alles und naesst die Haut. Vier Stunden marschieren wir im Eiltempo. Als wir wieder bei der Pension ankommen, schlottern alle vor Kaelte. Wir verabschieden Idriss, der wirklich ein guter Freund und Fuehrer gewesen ist und bezahlen ihn. Die naechsten drei Stunden verbringen wir vor dem Feuer, wo wir unsere Glieder waermen und die wichtigsten Kleidungsstuecke trocknen lassen. Unsere Ungeduld bringt uns zudem einige Brandloecher in Socken und Unterhosen ein. Zum Schlafen huellen wir uns in vier Wolldecken. Der Tag ist anstrengend gewesen, weshalb wir tief und fest schlafen.

Am naechsten Tag regnet es nicht mehr und wir laufen gegen 9 Uhr von der Pension los. Falls wir kein Auto finden, das uns nach Taza mitnimmt, bewaeltigen wir die 30Km lange Strecke eben zu Fuss! Nach etwa einer Stunde haelt ein Taxi, das uns in einer waghalsigen Fahrt (Zum Glueck funktioniert der Tachometer nicht!) nach Taza zurueck bringt. Nach dem Mittagessen in einer Garkueche geht Matthias in ein Internetcafe, um sich um einen Job zu kuemmern, waehrend ich (Lenz) mir die Medina ansehe und die Ruinen der Garnisonstuerme erkundige. Ich mache es mir in einer Schiessscharte eines Wehrturmes mit Sicht auf ganz Taza bequem, wo ich gemuetlich im Le monde diplomatique lese. Abends gehen wir gemeinsam in einer Pizzeria essen und nehmen fuer die Nacht wieder ein Zimmer im Hotel de la Gare.

Am folgenden Morgen besteigen wir einen Bus und fahren zurueck nach Fes. Dieser Ausflug ohne unsere Velos hat sich wirklich gelohnt, denn mit dem Rucksack unterwegs zu sein ist ein anderes Reisegefuehl, das mindestens genauso verzaubert.